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RITA
ROHLFINGS RAUMWUNDER
Gabriele Uelsberg, Direktorin Rheinisches Landesmuseum Bonn
Die
Künstlerin Rita Rohlfing macht es keinem Betrachter und keinem
Interpreten leicht, ihre künstlerische Zielsetzung einer Gattung
zuzuordnen.
Sie ist eine leidenschaftliche Malerin, die sich auf die Auseinandersetzung
mit Farbe einlässt, sie malt und doch entstehen keine Gemälde
im klassischen Verständnis.
Sie ist Bildhauerin, die monumentale Skulpturen erschafft, die jedoch
niemals Festkörper zu sein scheinen und Volumen nicht nach
Außen sondern nach Innen kommunizieren.
Sie ist Architektin, die sich stets im Raum definiert und diesen
strukturiert und hinterfragt ohne jedoch neue nutzbare Räume
zu schaffen sondern sie reduziert den Raum um Räume, die unbetretbar
werden.
Der
alleinige Wunsch, die Unbegreiflichkeit von Raum und Universum in
das planemetrische System eines Leinwandbildes zu setzen, ist für
die Künstlerin Rita Rohlfing schon lange nicht mehr ausreichend.
Nachdem sie die Wertigkeiten des klassischen Tafelbildes in ihren
Bildern bis an die Grenzen geführt hat, indem sie ihre Gemälde
durch Brechungen, Verwinkelungen und das sukzessive Aufwölben
der ebenen Leinwände in den plastischen Raum hinein erweitert
hat, waren die Möglichkeiten des Leinwandbildes gewissermaßen
bewusst ausgereizt. Daher erscheint es zwangsläufig, dass sich
in ihren Arbeiten seit der Mitte der neunziger Jahre immer stärker
die Tendenz festmachen lässt, die Bedingungen der Leinwand
und des Tafelbildes nachhaltig zu verlassen und die Malerei direkt
in den Raum zu setzen.
Rita
Rohlfing konstruiert seither Farbräume in denen sie skulpturale
und malerische Elemente so miteinander verknüpft, dass sie
sich in ihren jeweiligen Komponenten gegenseitig gleichsam aufheben
um gemeinsam ein drittes Element zu schaffen, das vor allem Raum
ist und Farbe. Diesen immateriellen Farbraum erfährt der Betrachter
auch in den drei jüngsten Installationen, die an unterschiedlichen
Orten entstanden sind.
In
der Oberhausener Inszenierung transparenzen durchspielte Rita Rohlfing
das gesamte Spektrum ihrer Raumkonzeptionen. Im Zentrum hier setzte
sie den großen „unbegehbaren“ Raumkubus in dessen
Innerem dem Betrachter ein mysteriöser Farbraum begegnet, den
er nicht erschließen und erst recht nicht betreten kann. In
der Betrachtung von Farbraum erfährt der Besucher die Farbe
als leichter als die Luft die ihn selbst umgibt. Schwerelos scheint
die Farbigkeit - kaum von der Rahmenkonstruktion gehalten –
nach Außen zu drängen. Wie ein eingefangener Farbnebel
geriert sich ein Rot mit unzähligen Tönungen, das aus
dem Körper gleichsam heraus quillt. Neben den unterschiedlichen
Dichten von Rottönen, denen der Betrachter hier gegenübertritt,
erweist sich der Innenraum, der sich immer wieder durch die verschleiernden
Glasscheiben in den Außenraum „durchsetzt“ als
Räume in Räumen, die ein Labyrinth der Farbigkeiten und
der Zugänge andeuten.
Diesem überlebensgroßen Raumkubus setzt Rohlfing ihre
Raumschleife entgegen, die mit den Elementen von Innen und Außen,
Spiegelung und Mattigkeit, Farbigkeit und Metallton den Betrachter
zu einem vergleichsweise intimen Einblick einlädt, der den
Raum hier stärker öffnet und wieder ein wenig „fassbar“
werden lässt.
Die dritte Setzung dieser Installation, AMBIVALENZ I / II sind die
grauen Bildobjekte, die mit ihren monumentalen Formen und angeschrägten
Seitenkanten, frühere Arbeiten aufgreifen und so gleichsam
Schnitte auf die Wandflächen setzen, die den Raum ins Innere
der Wände ausdehnen. Ergänzt ist die Installation hier
auch um jene metallfarbenen Bildobjekte, die an der Wand lehnen
und von einer gesandstrahlten Plexiglasscheibe partiell vom Raum
und seinen Bedingungen „abgeschirmt“ erscheinen. Auch
hier wird der Raum in die Wand verlängert und aus der Wand
heraus in den Umraum hinein thematisiert und wahrnehmbar.
Rita Rohlfing besetzte mit ihren Installationen den Raum als Kontinuum
und gestaltete ihn zu einem sich ständig wandelnden und in
seinen unterschiedlichen Gewichtungen auch korrespondierenden Farbkörper.
Das Spektrum in Oberhausen ist bewusst vielgestaltig und schöpft
auch im Kontrast die Bedingungen des Raumerlebens aus.
In
der Kölner Artothek zeigte sie ihre Installation ANSCHEINEND,
bei der auf sehr subtile Weise die Wertigkeit des hohen Raumes,
der nur im oberen Rand durch ein Band von Fenstern Tageslicht erhält,
verändert und gewichtet wurde. Im Zentrum der Installation
befand sich ein Aluminiumkubus, der auf dem Boden platziert war
und dessen obere Fläche in gesandstrahltem Plexiglas den Blick
auf eine innere Farbigkeit erahnen ließ, die sich aus verschiedenen
Rottönen und sich gegeneinander verschiebenden Winkeln bildete.
Besonders der Gegensatz zwischen den äußeren Aluminiumflächen
der Skulptur, die in ihrer Glätte Spiegelung und Reflexion
zulassen, und dem sich als „verschwommen“ erweisenden
Raum hinter der Scheibe zieht das Augenmerk, das sich darauf richtet,
von der Oberfläche weg ins Innere, in die Imagination. Diese
stoffliche Mehrdeutigkeit greift Rohlfing im Raum auf und kontrastiert
ihren Rotschimmernden Kubus mit einem aus Aluminium geschnittenen
Bildobjekt, das wie beiläufig an die Wand des hohen Raumes
gestellt erscheint. Der Blick auf die scharfkantige Aluminiumform
ist jedoch wiederum „verstellt“ von einer gesandstrahlten
Plexiglasscheibe in Metallrahmen, die im Abstand von 55 cm davor
gestellt ist und nur im Verändern des eigenen Standortes den
Blick auf das Dahinter partiell freigibt. Das kühlere Grau
verschwimmt im Raum mit dem verhaltenen Rot zu einem Farbklang,
der den hohen Raum der Artothek „durchwabert“ und ihn
in eine fließende Veränderung zwingt. Farbe wird hier
zum Bestandteil von Raum und ist nicht länger Zustand und Bezeichnung
von Körpern. Der Raum gewinnt durch die Installationen von
Rita Rohlfing eine Qualität von Unstofflichkeit, die vom Innenraum
der Körper in den Betrachterraum selbst diffundiert und diesen
zum Bestandteil der Installation selbst macht.
Im
Aachener Ludwig Forum für Internationale Kunst entwickelte
Rita Rohlfing im Gegensatz dazu für den Ausstellungsraum eine
Gesamtkonzeption, bei der sich der architektonische Eingriff kontinuierlich
vom Raumbild zur Skulptur erweitert, wobei ein dreidimensionales
unbegehbares Raumbild entstand. Zwielicht ist der Titel der Rauminstallation,
bei der Rita Rohlfing mittels großer matter Plexiglasscheiben
einen „Ausstellungsraum“ schafft, der vor dem Zugang
durch Besucher jedoch abgeschlossen ist. Im Inneren dieses unbetretbaren
Raumes befinden sich Rottöne und Architekturen, die der Betrachter
nur schemenhaft erkennt und die wie ein lebendiger Farborganismus
ein Eigenleben zu führen scheinen. Durch das Licht, das durch
die beiden Glaswände ins Innere dieser gestalteten Raumeinheit
tritt, greift die Farbe drängend durch die matten Scheiben
nach Außen und taucht den Vorraum der Installation in intensives
Rot. Die Arbeit bestand aus zwei von Rohlfing gestalteten Raumscheiben
aus mattem Plexiglas und einer inneren Mauerwand, der eigentlichen
Architektur, die normalerweise zwei Ausstellungsräume voneinander
trennt. Rita Rohlfing erweckt in ihrer Installation jedoch den Eindruck
im Inneren wäre ein Raumkontinuum, das sich zu beiden Seiten
fortsetzt. Dennoch ergaben sich keine Durchblicke, denn die Transparenzen
reduzierten sich in der Arbeit auf Schemen unterschiedlicher Farbigkeiten.
Der
Raumfarbkörper der Installation entwickelt sich zu eine Gesamtskulptur,
vor der der Betrachter sich bewegt und die er dennoch auch als ein
Volumen um ihn herum erlebt. Das Rot drängt so vehement in
seinen Raum ein, dass er Bestandteil der Skulptur wird ohne selbst
ins Innere der Arbeit eintreten zu können. Der konkrete Innenraum
der Farbraumarchitektur ist nur diffus zu erahnen, denn durch weitere
architektonische Eingriffe der Künstlerin, in denen Sie große
Farbtafeln gegenläufig in den Raum setzt, wird der Blick im
Inneren umgeleitet und im Kontext eines Farbakkords mit Rottönen
unterschiedlicher Temperatur gestaltet. Hier wird ein präzises
Farbkonzept realisiert, das Rohlfing genau plante. Die Verwendung
von intensiven Farben stütze dabei die Lichtwirkung und „Ausstrahlung“
der Arbeit.
„Raum, Farbe, Licht werden ihrer Eindeutigkeit enthoben und
erscheinen als „Zwielicht“, das uns in seinen Bann zieht."
*
Der
Farbkörper der Installation Zwielicht erscheint in seiner Dimension
und Tiefe nicht bestimmbar. Hält sich der Betrachter von Zwielicht
über eine längere Zeit vor dem entstandenen Farbraumkörper
auf, so wird er gleichsam Bestandteil dieses Farbraumes, der sich
immer wieder neu darstellt und konstituiert. Dazu wird er unmerklich
„eingesogen“ in diesen uneindeutig zu erkennenden Innenraum
mit seinen Brechungen und scheinbaren Widersprüchen, der nicht
nur einen Teil seiner Wahrnehmung in Anspruch nimmt, sondern sich
auch in seinem Denken ausbreitet, wobei der Blick eine Lösung
sucht. Dieser immaterielle Farbraum, den Rita Rohlfing schafft,
ist zwar ein fast hermetisches und autarkes Volumen wird aber in
der wahrnehmenden Auseinandersetzung zu einem offenen, wenngleich
nicht physisch begehbaren Kontinuum, in dem der Betrachter gleichsam
selbst mit zum gestaltenden Element wird, in dessen Raum die Farbigkeit
ausgreift und in dessen Inneres sein Sehen und Denken eintaucht.
Diese
Symbiose zwischen Sehen und Denken, zwischen Wahrnehmung und Reflexion
ist ein zentrales Thema in Rita Rohlfings künstlerischer Arbeit,
dem sie sich über Malerei und Raumarchitektur in immer wieder
Neuen und erfrischend überraschenden Installationen nähert
und den Betrachter mit einbezieht in dieses Erfahrungskontinuum.
*
Gabriele Teuteberg, Rita Rohlfing – Zwielicht, in: farbecht,
Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen 2003
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